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Über den Frieden sprechen heißt über etwas sprechen, das es nicht
gibt. Wahren Frieden gibt es nicht auf unserer Erde und hat es auch nie gegeben,
es sei denn als Ziel, das wir offenbar nicht zu erreichen vermögen. Solange der
Mensch auf dieser Erde lebt, hat er sich der Gewalt und dem Krieg verschrieben,
und der uns vergönnte, zerbrechliche Friede ist ständig bedroht. Gerade heute
lebt die ganze Welt in der Furcht vor einem neuen Krieg, der uns alle vernichten
wird. Angesichts dieser Bedrohung setzen sich mehr Menschen denn je zuvor für
Frieden und Abrüstung ein - das ist wahr, das könnte eine Hoffnung sein. Doch
Hoffnung hegen fällt so schwer.
Die Politiker versammeln sich in großer Zahl zu immer neuen
Gipfelgesprächen, und sie alle sprechen so eindringlich für Abrüstung, aber nur
für die Abrüstung, die die anderen vornehmen sollen. Dein Land soll abrüsten,
nicht meines! Keiner will den Anfang machen. Keiner wagt es anzufangen, weil
jeder sich fürchtet und so geringes Vertrauen in den Friedenswillen des anderen
setzt. Und während die eine Abrüstungskonferenz die andere ablöst, findet die
irrsinnigste Aufrüstung in der Geschichte der Menschheit statt. Kein Wunder, daß
wir alle Angst haben, gleichgültig, ob wir einer Großmacht angehören oder in
einem kleinen neutralen Land leben. Wir alle wissen, dass ein neuer Weltkrieg
keinen von uns verschonen wird, und ob ich unter einem neutralen oder einem
nicht-neutralen Trümmerhaufen begraben liege, das dürfte kaum einen Unterschied
machen.
Müssen wir uns nach diesen Jahrtausenden ständiger Kriege nicht fragen,
ob der Mensch nicht vielleicht schon in seiner Anlage fehlerhaft ist? Und sind
wir unserer Aggressionen wegen zum Untergang verurteilt? Wir alle wollen ja den
Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist?
Könnten wir nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht
versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen,
und wo sollte man anfangen?
Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern. Sie,
meine Freunde, haben Ihren Friedenspreis einer Kinderbuchautorin verliehen, und
da werden Sie kaum weite politische Ausblicke oder Vorschläge zur Lösung
internationaler Probleme erwarten. Ich möchte zu Ihnen über die Kinder sprechen.
Über meine Sorge um sie und meine Hoffnungen für sie. Die jetzt Kinder sind,
werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas
von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und
darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. In einer, wo die Gewalt
nur ständig weiterwächst, oder in einer, wo die Menschen in Frieden und
Eintracht miteinander leben wollen. Gibt es auch nur die geringste Hoffnung
darauf, dass die heutigen Kinder dereinst eine friedlichere Welt aufbauen
werden, als wir es vermocht haben? Und warum ist uns dies trotz allen guten
Willens so schlecht gelungen?
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, welch ein Schock es für mich
gewesen ist, als mir eines Tages - ich war damals noch sehr jung - klar wurde,
dass die Männer, die die Geschicke der Völker und der Welt lenkten, keine
höheren Wesen mit übernatürlichen Gaben und göttlicher Weisheit waren. Dass sie
Menschen waren mit den gleichen menschlichen Schwächen wie ich. Aber sie hatten
die Macht und konnten jeden Augenblick schicksalsschwere Entscheidungen fällen,
je nach den Antrieben und Kräften, von denen sie beherrscht wurden.
So konnte es, traf es sich besonders unglücklich, zum Krieg kommen, nur
weil ein einziger Mensch von Machtgier und Rachsucht besessen war, von Eitelkeit
oder Gewinnsucht oder aber - und das scheint das Häufigste zu sein - von dem
blinden Glauben an die Gewalt als das wirksamste Hilfsmittel in allen
Situationen. Entsprechend konnte ein einziger guter und besonnener Mensch hier
und da Katastrophen verhindern, eben weil er gut und besonnen war und auf Gewalt
verzichtete. Daraus konnte ich nur das eine folgern: Es sind immer auch
einzelne Menschen, die die Geschicke der Welt bestimmen. Warum aber waren denn
nicht alle gut und besonnen? Warum gab es so viele, die nur Gewalt wollten und
nach Macht strebten?
Waren einige von Natur aus böse? Das konnte ich damals nicht glauben, und
ich glaube es heute auch nicht. Die Intelligenz, die Gaben des Verstandes mögen
zum großen Teil angeboren sein, aber in keinem neugeborenen Kind schlummert ein
Samenkorn, aus dem zwangsläufig Gutes oder Böses sprießt. Ob ein Kind zu einem
warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl
heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen
Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je
nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun. "Überall
lernt man nur von dem, den man liebt", hat Goethe einmal gesagt, und dann muss
es wohl wahr sein.
Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine
Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und
bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn
das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte
das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann
ist es für uns alle ein Glück, wenn seine Grundhaltung durch Liebe geprägt
worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige Staatsmänner und Politiker
werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht
haben - das ist erschreckend, aber es ist wahr.
Blicken wir nun einmal zurück auf die Methoden der Kindererziehung
früherer Zeiten. Ging es dabei nicht allzu häufig darum, den Willen des Kindes
mit Gewalt, sei sie physischer oder psychischer Art, zu brechen? Wie viele
Kinder haben ihren ersten Unterricht in Gewalt "von denen, die man liebt",
nämlich von den eigenen Eltern erhalten und dieses Wissen dann der nächsten
Generation weitergegeben! Und so ging es fort. "Wer die Rute schont, verdirbt
den Knaben", heißt es schon im Alten Testament, und daran haben durch die
Jahrhunderte viele Väter und Mütter geglaubt. Sie haben fleißig die Rute
geschwungen und das Liebe genannt. Wie aber war denn nun die Kindheit aller
dieser wirklich "verdorbenen Knaben", von denen es zurzeit so viele auf der Welt
gibt, dieser Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker, dieser Menschenschinder? Dem
sollte man einmal nachgehen. Ich bin überzeugt davon, dass wir bei den meisten
von ihnen auf einen tyrannischen Erzieher stoßen würden, der mit einer Rute
hinter ihnen stand, ob sie nun aus Holz war oder im Demütigen, Kränken,
Bloßstellen, Angstmachen bestand.
In den vielen von Hass geprägten Kindheitsschilderungen der Literatur
wimmelt es von solchen häuslichen Tyrannen, die ihre Kinder durch Furcht und
Schrecken zu Gehorsam und Unterwerfung gezwungen und dadurch für das Leben mehr
oder weniger verdorben haben. Zum Glück hat es nicht nur diese Sorte von
Erziehern gegeben, denn natürlich haben Eltern ihre Kinder auch schon von jeher
mit Liebe und ohne Gewalt erzogen. Aber wohl erst in unserem Jahrhundert haben
Eltern damit begonnen, ihre Kinder als ihresgleichen zu betrachten und ihnen das
Recht einzuräumen, ihre Persönlichkeit in einer Familiendemokratie ohne
Unterdrückung und ohne Gewalt frei zu entwickeln. Muss man da nicht verzweifeln,
wenn jetzt plötzlich Stimmen laut werden, die die Rückkehr zu dem alten
autoritären System fordern?
Denn genau das geschieht zur Zeit mancherorts in der Welt. Man ruft jetzt
wieder nach "härterer Zucht", nach "strafferen Zügeln" und glaubt dadurch, alle
jugendlichen Unarten unterbinden zu können, die angeblich auf zu viel Freiheit
und zu wenig Strenge in der Erziehung beruhen. Das aber hieße den Teufel mit dem
Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt und zu
einer tieferen und gefährlicheren Kluft zwischen den Generationen.
Möglicherweise könnte diese erwünschte "härtere Zucht" eine äußerliche Wirkung
erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten würden. Freilich nur so
lange, bis auch sie allmählich zu der Erkenntnis gezwungen werden, dass Gewalt
immer wieder nur Gewalt erzeugt - so wie es von jeher gewesen
ist.
Nun mögen sich viele Eltern beunruhigt durch diese neuen Signale
fragen, ob sie bisher etwas falsch gemacht haben. Ob eine freie Erziehung, in
der die Erwachsenen es nicht für selbstverständlich halten, dass sie das Recht
haben zu befehlen und die Kinder die Pflicht haben, sich zu fügen, womöglich
nicht doch falsch oder gefährlich sei. Freie und unautoritäre Erziehung
bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und
lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen
aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen.
Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das
Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen
Methoden. Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz
gewiß sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie
ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das
möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.
Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen
Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet
hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch
glaubte, dieses "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben". Im Grunde ihres
Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner
Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte,
die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber
nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge
ging und blieb lange fort.
Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock
finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen."
Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den
Augen des Kindes. Das Kind muss gedacht haben, "meine Mutter will mir wirklich
wehtun, und das kann sie ja auch mit einem Stein". Sie nahm ihren kleinen Sohn
in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein
auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das
Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: "NIEMALS
GEWALT!"
Ja, aber wenn wir unsere Kinder ohne Gewalt und ohne irgendwelche
straffen Zügel erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht,
das in ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl nur ein
Kinderbuchautor erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie ist. Und ganz gewiss
gibt es in unserer armen, kranken Welt noch sehr viel anderes, dass gleichfalls
geändert werden muss, soll es Frieden geben. Aber in dieser unserer Gegenwart
gibt es - selbst ohne Krieg - so unfassbar viel Grausamkeit, Gewalt und
Unterdrückung auf Erden, und das bleibt den Kindern keineswegs verborgen. Sie
sehen und hören und lesen es täglich, und schließlich glauben sie gar, Gewalt
sei ein natürlicher Zustand. Müssen wir ihnen dann nicht wenigstens daheim durch
unser Beispiel zeigen, dass es eine andere Art zu leben gibt?
Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das
Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die Kinder: NIEMALS GEWALT! Es
könnte trotz allem mit der Zeit ein winziger Beitrag sein zum Frieden in der
Welt. |